Die Geschichte vom kleinen Sonnenuntergang

August 2017

Der kleine Sonnenuntergang – von Alexandra van Overstraeten

Jede Nacht treffen sich alle Sonnenuntergänge um sich darüber auszutauschen was der heutige Sonnenuntergang erlebt hat.

Sie unterhalten sich darüber was sie gesehen haben während sie ihr rotes Licht vor der großen Welt verbeugten und natürlich versucht jeder von ihnen der schönste, größte oder majestätischste Sonnenuntergang von allen zu sein. Immerhin kommt jeder von ihnen nur ein einzigstes mal auf der Erde vor.

Der kleine Sonnenuntergang, der für den gestrigen Tag bestimmt war, hörte gespannt den Geschichten zu, den die großen Sonnenuntergänge jede Nacht berichteten. Sie saßen zusammen und erzählten die ganze Nacht über ihre erlebten und aufregenden Dinge.

Da gab es den Sonnenuntergang der vor vielen Jahrtausenden große Feuerbälle beobachtete, die vom Himmel auf die Erde fielen. Die ganze Welt war mit Glut bedeckt, es war ein großes Spektakel. Der andere erzählte davon, wie laute Schiffe über das Meer fuhren, hunderte davon auf einem Haufen. Im laufe des Sonnenuntergangs wurden es immer weniger, viele sanken, und der Krach hörte allmählich auf. Und das andere mal, erinnerte sich der kleine Sonnenuntergang, da erzählte jemand davon wie perfekt wolkenlos der Himmel an seinem Tag war, so dass das Strahlen seines Lichts nichts im Wege stand und er mit all seinen schönsten Orange, Gelb und Rottönen leuchten und die Welt beeindrucken konnte. 

Der Morgen des gestrigen Tages kam und der kleine Sonnenuntergang war fürchterlich aufgeregt.

„ Das ist dein großer Tag! “ sagten all die anderen zu ihm. Und er hatte noch einige Stunden Zeit sich vorzubereiten.

Er wollte der schönste Sonnenuntergang von allen sein und die spektakulärsten Dinge sehen, so dass sich alle noch Jahrtausende später an ihn erinnerten.

Die Stunde war gekommen als sich der kleine Sonnenuntergang bereit machte.

Es ging los.

Die Stunde des Sonnenuntergangs hatte begonnen.

Der kleine Sonnenuntergang war völlig fasziniert von der Schönheit der Erde.

Weite Seen und Meere soweit er blicken konnte. Grüne Steppen, saftige Hügel und Berge, weite Täler und hohe Berge machten sich ihm auf. 

Bevor er sich traute all die Schönheit zu berühren, betrachtete er sie noch eine ganze Weile. Er sah sich um, an jedem Fleck und konnte sein Glück nicht mehr in Worte fassen, so schön war es hier.

Er hörte das Rauschen der Wellen im Meer und Vögel die unter ihm ihre Kreise zogen.

Er sah Boote fahren, Blumen die anfingen ihre Blüten zu schließen und Krebse die aus dem Wasser kamen um es sich auf Felsen gemütlich zu machen.

Er hörte Musik und sah Menschen die ihn beobachteten.

Es müssen Abertausend Seelen gewesen sein, ja vielleicht sogar Millionen, die mitten in seine Seele sahen, während er vorsichtig und zaghaft den Boden, das Wasser, die Erde berührte. Eine große Stille legte sich über die Welt während er alles mit seinem leuchtendem Warm einhüllte.

Eine kleine Wolke flog vor ihm her und grüßte ihn freundlich. „ Hallo! Das machst du ganz ausgezeichnet lieber Sonnenuntergang. Du bist wunderschön und feinfühlig. Du hast mich dazu inspiriert wieder neue Formen auszuprobieren. Danke! „ Der kleine Sonnenuntergang bedankte sich ebenfalls, war schwer begeistert und lief noch roter an. Noch nie hatte er eine so schöne Wertschätzung erfahren für dass was er kann und ist. Er war so glücklich. Es war schön ein Sonnenuntergang zu sein, noch dazu an diesem Datum. Es war sein Datum und er feierte den Himmel, das Meer, die Boote, die Musik, die Wellen und die Wolke. Er feierte all die schöne Pracht die er noch nie vorher gesehen hatte und nur aus den Geschichten der anderen kannte. Er feierte das Sein seiner Existenz. Er feierte und genoss jeden Moment.

„ Das letzte warme rot hebe ich mir für einen Kuss auf! „ dachte der kleine Sonnenuntergang bevor die Nacht anbrach. Die letzten 8 Sekunden in denen er ein Sonnenuntergang war, küsste er die Erde mit seinem warmen Licht und schickte ihr mit großer Dankbarkeit ein Lebewohl.

„ Das war`s also. „ dachte er. „Das war mein Sonnenuntergang!“ 

Auf dem Weg zurück zu den anderen und immer noch in Erinnerungen schwelgend traf der kleine Sonnenuntergang auf die Nacht.

Sie wirkte etwas unentspannt, vielleicht weil sie drei zornige Blitze im Schlepptau hatte die ständig etwas von ihr wollten.

Sie grüßte nur kurz und zog hektisch weiter.

Als der kleine Sonnenuntergang zurück kam, fragten ihn sofort all die anderen Sonnenuntergänge:

„Und? wie war es? Warst du ein erfolgreicher Sonnenuntergang? Ist jemand berühmtes gestorben während er dich sah oder gab es einen Krieg den du gesehen hast? War der Himmel wolkenlos so dass du perfekt scheinen konntest? Ist ein Schiff gesunken oder hast du dich mit der Nacht angelegt?“

Der kleine Sonnenuntergang dachte angestrengt nach und antwortete dass er nichts dergleichen gesehen hätte.

„AHHHHHHH!!“ brüllten all die anderen. „Dann warst du ein langweiliger Sonnenuntergang! Warum hast du dir nicht mehr Mühe gegeben? Niemand wird sich je an dich erinnern!“

Der kleine Sonnenuntergang aber blieb bei dem Gefühl dass er an seinem großen Tag kennenlernen durfte. Er ließ sich nicht durch das Gerede der anderen beirren und erinnerte sich an all die Schönheit die er kennenlernen durfte.

„Für jemanden der nichts besonderes ist, scheint es dir aber ziemlich gut zu gehen!“ Merkten die anderen an.

„ Das tut es auch! Es geht mir fabelhaft!“ so er.

„Zuerst habe ich mir viel Zeit gelassen um anzukommen. Und dann, als ich vorsichtig und gewissenhaft all die Schönheit berührte, da habe ich die schönsten Momente meines Lebens aufgenommen. Ich habe gesehen wie hoch die Berge sind und habe beobachtet wie Blumen schlafen gehen. Ich habe das Salzwasser gerochen und Freundschaft mit einer Wolke geschlossen. Ich habe mit Palmen gespielt und lustige Schattenmuster mit ihnen auf die Erde gemalt. Je tiefer ich stieg, desto länger wurden sie. Abertausende Augen sahen mir ins Gesicht, Krebse, Menschen und Zugvögel und es war mucksmäuschenstill dabei. Und als ich mich am Ende mit einem Kuss verneigte um zu gehen, da lauschte ich noch den Tönen einer Gitarre die von einem Mensch gespielt wurde, der an den Klippen stand. Er wünschte mir alles Gute und bedankte sich bei mir.“

Die anderen Sonnenuntergänge hörten aufmerksam zu und waren plötzlich sehr beschämt über dass, was sie eben noch gesagt hatten.

Sie entschuldigten sich bei dem kleinen Sonnenuntergang und gingen nachdenklich ins Bett.

Obwohl es eine stürmische und laute Nacht voller Gewitter war, schliefen die Sonnenuntergänge tief und fest. Keiner von ihnen träumte heute vom Ruhm,Kriegen oder der Perfektion die sie erlebten oder gerne erleben wollten. Sie träumten alle von der Zeit die sie sich ließen um in Ruhe dort anzukommen wo sie gerne sein wollten. Sie träumten von blaugrünen Palmen die Schattenspiele mit ihrem Licht machten, glitzerndem Wasser aus dem rote Krebse kletterten und es sich auf Felsen gemütlich machten, von flauschigen Wolken die einem sagen wie einzigartig und wunderbar man ist, von Blumen die langsam ihre Köpfe sanken um schlafen zu gehen, von offenen Augen die einem in die Seele schauten ohne dass sie ein Wort dabei verloren und von Gitarrenklängen die einem die Melodie der Dankbarkeit spielten, wenn es an der Zeit war, lebe wohl zu sagen.