Eine wache Weihnachtsgeschichte

Dezember 2017

Der Junge mit dem kleinen Koffer in der Hand stand an den Gleisen, da wo man ihn abgestellt hatte. Er beobachtete die vorbeilaufenden Menschen, die Züge welche in den Bahnhof ein und ausfuhren und die Tauben welche Unterschlupf und Futter suchten. Es verging eine ganze Weile und langsam kroch die Kälte unter die Flicken an seinem Pullover.
Er wartete noch eine ganze Weile bis er sich auf eine Bank setze und nachdachte. Es war überhaupt das erste mal seit drei Tagen, dass er Ruhe zum Nachdenken hatte. Alles ging so schnell.
Es war hektisch und laut daheim gewesen. Alle riefen durcheinander und seine Tante riss ihn mitten in der Nacht aus dem Bett um seinen Koffer mit ein paar Dingen zu stopfen die sie im Schrank fand, nur um ihn möglichst schnell zum Bahnhof zu bringen und ihn dann mit einer kurzen Geste und ein paar Worten zurück zu lassen.
„Du musst aufwachen!“ – waren die Worte, als sie ihm mit ihrer kalten Hand über die Wange strich, sich umdrehte und in den hinteren Bahnhofshallen verschwand.

Der Junge versuchte zu verstehen was vor sich ging.
Er hatte das Gefühl das irgendetwas nicht stimmte. Alle rannten irgendwohin, durch die Hallen, von links nach rechts und umgekehrt. Nicht alle hatten Koffer in der Hand und trotzdem stiegen die meisten ohne Gepäck in Züge ein. Ein paar der Züge fuhren los, ein Schaffner brüllte über die Gleise „LETZTE FAHRT NACH WEIHNACHTEN!“
Weihnachten? Das hatte er schon mal gehört. Vielleicht sollte er sich mit in den Zug setzen und mitfahren. Ohnehin wusste er nicht was er hier noch länger sollte, es war kalt und nach Hause zu gehen kam nicht in Frage. Dort hatte er über die Zeit immer mehr Angst gehabt seit seine Eltern gestorben waren.Und auf was oder wen er hier warten sollte, das hatte ihm niemand gesagt.

Der Junge mit dem kleinen Koffer setzte sich in ein Abteil aus dem er die Fahrt über aus dem Fenster blicken konnte. Seine Zehen waren taub von der Kälte, das spürte er jetzt ganz besonders, denn das Abteil war gemütlich warm. Ein feiner Herr wählte den Platz neben ihm und grüßte, indem er seinen Hut zog.
Bald kam der Schaffner um die Fahrkarten zu verkaufen.
Der Junge hatte nicht einen Cent bei sich um die Reise bezahlen zu können. Der Schaffner sah ihn streng an, da zog der feine Herr schon seinen Hut und nahm eine glitzernde Münze heraus. „Ich bezahle für uns zwei!“ sagte er.
Der Junge bedankte sich und der feine Herr fragte ihn, ob er Hunger oder Durst hätte. Seit vier Tagen hatte er nicht richtig gegessen, nur ein wenig Wasser getrunken und sein Magen knurrte.
Fünf Minuten später, nachdem der feine Herr aufgestanden war, kam er mit einem Tablett voll duftendem Essen zurück.
Gebrannte Mandeln, heiße Schokolade, Zuckeräpfel, Nüsse und Karamell lagen zwischen dem funkelndem, goldenem Besteck. „Lass es dir schmecken!“ sagte der Herr und zeigte auf die leckeren Sachen.
Der Junge hat sich in seinem ganzen Leben noch niemals so satt gefühlt. So fühlt es sich also an, wenn man nicht mehr essen kann, dachte er für sich, während er aus dem Fenster sah und im Spiegelbild der Scheibe den feinen Herr beobachtete. Wer mag der Mann wohl sein? Überlegte er… Zwei Stationen später verabschiedete sich der feine Herr, der jetzt ausstieg und dem Jungen noch etwas in die Hand drückte.
Ein Zettel mit etwas Geschriebenem darauf.
„Das ist die Adresse, zu der du gehst wenn du in Weihnachten ankommst! Ich habe alles für dich geklärt. Deine Eltern erwarten dich sehnsüchtig und ein eigenes Zimmer mit einem warmen Kamin steht für dich bereit!“
Der Junge starrte den Herr mit großen Augen an und bevor er nur etwas fragen konnte, war er weg. Auch auf dem Bahnsteig welchen er vom Fenster aus sah, konnte er ihn nicht mehr sehen.
Er war schlichtweg durcheinander und wartete die Zugfahrt ab. Es wurde dunkel draußen und der Wagon war plötzlich ganz leer. Kein Mensch mehr drin zu sehen. Er machte es sich gemütlich und schlief unter dem gleichmäßigen Rütteln des Zuges ein.

Als er vom Sonnenlicht wach wurde, dass durch sein Fenster schien, war die Gegend draußen nicht mehr so schneeweiß wie auf der Fahrt als der feine Herr ihn noch begleitete. Alles war grau und irgendwie lieblos. Da kam der Schaffner vorbei und der Junge fragte ihn, wie lange es noch bis Weihnachten dauern würde. „Weihnachten? Weihnachten ist doch schon längst vorbei! Das hast du verschlafen!“ antwortete er grimmig und verließ das Abteil. Der kleine Junge hat sich noch niemals so verloren und alleine gefühlt wie in diesem Moment. „Du musst aufwachen!“ erinnerte er sich an die Worte seiner Tante. Er hatte es verschlafen. Er hatte Weihnachten verschlafen und nun fuhr ihn der Zug wieder dahin zurück wo er herkam, oder vielleicht noch schlimmer, irgendwo hin wo es ihm noch schlechter ging als all die Jahre zuvor, seit seine Eltern nicht mehr da waren. Eine kleine Träne floss über sein Gesicht und während er schluchzte und weinte, konnte er ganz plötzlich eine Stimme vernehmen.

„Du musst aufwachen! Du musst aufwachen! Aufwachen!“ Als er die Augen aufschlug saßen seine Eltern lachend vor ihm. „Na da hast du aber den Mittagsschlaf des Jahrhunderts gemacht! Komm zieh dich an, wir sind gleich da!“
Seine Eltern nahmen die Koffer in die Hand und zogen ihre Mäntel über. Sie waren so schön wie nie zuvor und der Junge umarmte seine Mutter, deren Parfum wie immer ein bisschen nach gebrannten Mandeln duftete.
Sie strich ihm über die Wange, küsste ihn und lächelte.
„Es ist alles nur ein Traum gewesen!“ Murmelte der Junge in seinen warmen Schal. Sie verließen den Wagon um in ein Taxi zu steigen.
„Wo darf es hingehen?“ Fragte der Fahrer. Sein Vater suchte nach einer Notiz in seiner Tasche die er nicht fand. „Ähmm, zu meinem Bruder nach, nach… Herrgott, wo ist nur dieser Zettel hin?!“ „Ist es dieser Zettel?“ fragte ihn der Junge und reichte ihm die Notiz die ihm der feine Herr gegeben hatte. „Das ist er! Wie kommt der denn in deine Hände?“

Wenige Stunden später saß die ganze Familie zusammen um Weihnachten zu feiern. Es gab genug zu essen, zu trinken und eine menge Geschenke für jeden. Im Kamin brannte ein großes, warmes Feuer und der Rest des Hauses war mit funkelnden Lichtern geschmückt.
In einem ruhigen Moment als der Junge all das bunte und fröhliche Treiben beobachtete fragte ihn sein Onkel, ob es etwas gäbe das er sich noch zu Weihnachten wünschte.
Der Junge dachte an seinen Traum und an das was er darin gesehen und erlebt hatte. Wie traurig er gewesen war und wie einsam er sich fühlte, trotz des feinen Herrn der ihm das leckere Essen und das Ticket nach Weihnachten schenkte. Das Ticket nach Weihnachten?
Der Junge kramte in seiner Hosentasche und da war es. Das Zugticket, abgestempelt und bezahlt. Mit der Aufschrift: -Endstation Weihnachten-. Das mit der Notiz auf dem die Adresse stand hätte er sich noch irgendwie erklären können. Aber nun das?
„Was hast du da?“ Fragte sein Onkel, der immer noch neben ihm saß und geduldig auf seine Antwort wartete.
„Ein Ticket nach Weihnachten!“ antwortete der Junge verlegen, denn er hätte nicht gewusst was er sonst darauf hätte sagen sollen.
„Ein Ticket nach Weihnachten…“ wiederholte sein Onkel ein wenig leise und nachdenklich.
„Behalte es gut bei dir, dein Ticket. Es ist wirklich was ganz besonderes und nur durch die Liebe und Großzügigkeit eines Anderen zu bekommen. Weißt du, nicht jeder Mensch hat das Glück, eine solche Fahrkarte zu besitzen. Die meisten Menschen sind alleine, oder krank. Sie haben wenig Glück oder streiten viel. Viele davon haben noch nicht mal ein Zuhause oder Eltern. Viele frieren, andere hungern. Es ist so wichtig dieses Zugticket zu schätzen und es gut aufzubewahren, wenn man das Glück hat eines davon zu besitzen.“
Der Junge sah das Ticket an.
Es sah hübsch aus mit all den rissigen Kanten und der krakeligen Schreibmaschinenschrift.
Hinten stand noch etwas geschrieben, Sehr klein und kaum zu erkennen. Er bemühte sich einige Sekunden lang es zu lesen.
„Wach auf!“
„Was hast du gesagt?“
„Du hast mich gefragt ob es noch etwas gibt das ich mir zu Weihnachten wünsche.
Ich wünsche mir, dass ich immer rechtzeitig aufwache, wenn ich mal etwas nicht so sehe wie es eigentlich scheint. Ich wünsche mir wach zu sein, ob ich schlafe oder nicht.“
Der Onkel schenkte ihm ein Lächeln, stand vom Sofa auf und bevor er zu den Anderen zurück ging sprach er: „Das ist wohl wirklich einer der besten Wünsche, die du dir für dein Leben wünschen kannst.“

A.vanOverstraeten