Von Nebelhornwanderungen, Patenkindern und Lagerfeuerabende in Oberstdorf (mit ganz viel Abenteuer, einem geheimen Quell, Gitarre und veganen Linsentalern)

Mai 2016

Das war sie, die Woche im August vergangenen Sommer, als mein Vincent mit Papa Urlaub machte und ich mir meine Patentochter nach Oberstdorf holte. Schon fast ein Jahr ist es her und die Bilder warten seit jeh um endlich hier gezeigt zu werden. Sommererinnerungen von Ausschnitten aus unserem Ausflug auf den Nebelhorn. Der Nebelhornaufstieg ist 15 Minuten Fußmarsch von unserem Zuhause entfernt. Die Skisprungschanze und den dazugehörigen Berg ( und noch gefühlte 180 weitere ) sehe ich von meinem Küchenfenster aus und seit ich hier wohne denke ich mir: Da musst du jetzt aber unbedingt mal rauf! Gesagt, getan. Mein Patenkind kam hochmotiviert mit und mit uns mein waschechter Italiener und unsere zwei Berglöwen, Frida und Rosa.

 

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Ich dachte es wäre eine gute Idee zum Gipfel hinauf zu fahren und ab dann bis zur zweiten oder zur dritten Godelstation ( von vier ) wieder hinunter zu gehen um dann den letzten Rest erneut die Gondel zu nehmen. Einfach ausgedrückt: Wir fahren bis zur Spitze, gehen ein Stück zu Fuß runter und nehmen dann die Gondel bis ins Tal. Dass sich diese Idee später zu einem mittelmäßigen Dilemma enttarnte, wusste zu diesem Zeitpunkt noch keiner von uns fünf. Soviel schon mal vorweg:

Wenn du denkst, dass deine Wanderschuhe wie angegossen passen, mach den Test und gehe eine Senke Berg ab um zu fühlen ob du dir jetzt auch noch so sicher bis wie vor 30 Sekunden. Du solltest dir ebenfalls die Route in Stunden ausrechnen um sicher zu stellen, dass du deine letzte Goldel auch bekommst, vor allem wenn du ein Kind dabei hast und der Trinkvorrat für die gesamte Strecke nicht ausreichen würde.

Das Abenteuer begann…

 

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Auf 2224 Metern Höhe hatten wir einen gemütlichen Fußmarsch von etwa 2 Stunden vor uns bis wir die nächste Station erreichten. Die Wasserflaschen waren gefüllt, die Laune war großartig! Vor allem bei mir.

 

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Disteln auf 2km Höhe, überall.

 

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Zecken die vom Himmel fallen? Hahaha. Das Lachen sollte mir schon bald vergehen…

 

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Überall Paraglider zu sehen. Mein Patenkind war völlig begeistert von diesem Sport. So sehr, dass sie sich zum Geburtstag einen Tandemflug gewünscht hat. Ich soll mit ihr beim nächsten Besuch fliegen. Voll cool!

 

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Keine 30 Minuten gegangen, musste ich leider feststellen, dass meine Schuhe zwar passen wenn ich Berge hinaufgehe, aber nicht wenn ich sie absteige. Meine Zehen bohrten sich regelrecht in die Spitzen der Schuhe hinein und vorsichtshalber beschloss ich besser die Socken auszuziehen um Platz zu schaffen. Das ging ein klein wenig besser, ich schnürte am Knöchel nochmals fester an, also weiter.

 

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Kleine Genießerpause zwischendurch. Wasser trinken nicht vergessen!

 

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Gipefelstation die Zweite. Könnte auch Tibet sein, oder?

 

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Da sind sie wieder, die Paraglider. Sie hat ungefähr eine halbe Stunde still und äußerst aufmerksam zugesehen um zu beobachten wie die Schirme, die Halterungen und die Schnüre vorbereitet werden,

und wie am Ende der Segler mit ein paar wenigen aber schnellen und beherzten Schritten Anlauf nimmt um danach in die Lüfte zu gleiten.

Wir sprachen uns kurz ab, ob wir nun mit der Gondel fahren oder weiter zu Fuß gehen. Meine Zehen waren „SoOkay“ und das Wetter war so schön, auch die Luft und einfach alles sagte “ Ach, wozu brauchst du schon Zehen? Geh einfach! “

Tja. Ich sage mal so, nach dieser Pause und ca. 30 weiteren Minuten war es so als hätten meine zwei großen Zehen alle Ressourcen aufgebraucht. Der Weg ging viel steiler hinab als der erste und bei jedem Schritt bereute ich mehr und mehr nicht in die Gondel gestiegen zu sein.

Aber gerade Müttern die Kinder auf die Welt gebracht haben erzählt niemand so schnell was Schmerzen sind, also biss ich die Zähne zusammen. Was hätte ich auch anderes tun können, mitten auf dem Wanderweg des Nebelhorns.

Immerhin lag die nächste Gondelstation nur weitere ( gefühlte )  60 Minuten entfernt, dann würden wir gemütlich einsteigen, ins Tal fahren und uns noch einen schönen Abend am Lagerfeuer machen.

 

 

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Ein Schmetterlingsfelsen. Alles voll und total Handzahm!

 

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Nach eineinhalb weiteren Stunden und einer immer noch sehr weit entfernten Gondelstation, ließ nicht nur allmählich bei mir die Motivation nach.

Es war so heiß dass wir ständig trinken mussten und unser Wasser war schon fast aufgebraucht. 4 Liter, einfach so weg.

Ca. eine weitere Stunde quälten wir uns im Schneckentempo Bergabwärts. Die Wege waren so enorm steil und dass mir bereits die Tränen vor Schmerzen in den Augen standen, wollte ich niemandem anmerken lassen. Nicht dass noch so eine Art „open water“ Panik entsteht. Müsste man dann halt umbenennen, wenns verfilmt wird. In „open mountain“ eben. Oder mal zur Abwechslung was kreativeres.

Bevor wir verdurstet wären, hätten wir natürlich auch mit den Hunden aus dem Bächlein getrunken. Aber ich hatte eine andere Idee.

 

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Eine 9 jährige ohne Wasser mitten auf dem Nebelhorn und noch nicht mal die Hälfte der Tour hinter sich. Die Laune sinkt.

 

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Wo ein klitzekleiner Bachlauf ist, muss auch ein größerer Quell sein. Ich weiß nicht warum ich ihn gefunden habe, ich bin kein Pfadfinder oder so etwas. Aber ich habe eine ziemlich gute Intuition was Menschen, Gefühle und vor allem Wasserquellen betrifft, die man dringend braucht bevor man auf dem Nebelhorn verdurstet. Also gingen wir vom Weg ab, über Stock und Stein und irgendwann, nach ca. 10 Minuten, hörten wir ein wundervolles Geräusch…

 

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Da war er. Unser ganz eigener und zudem wunderschöner Quell, wie als hätte er auf uns gewartet.

Das Wasser war kühl und erfrischend, so wie bei Heidi. Und die Aussicht während wir unsere brennenden Füße darin baumeln ließen und

die Trinkflaschen wieder auffüllten, die war zauberhafter als vorher. ( Man kann Aussichten besser genießen wenn man nicht vor Schmerzen oder Durst stirbt ).

 

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Ein Schmetterling ist uns gefolgt. Wahrscheinlich wollten die anderen Schmetterlinge wissen ob wir den geheimen Quell finden würden.

 

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Wir verbrachten eine Stunde oder mehr an diesem Platz, es war einfach so wunderschön. Ich hätte am liebsten ein Zelt aufgeschlagen und wäre dort geblieben. Wir waren alle wieder gut drauf und freuten uns bald in der noch ca. 20 Minuten entfernten Gondel Richtung Tal zu fahren! Durstig waren wir zwar nicht mehr und erholt hatten wir uns auch etwas, aber meine Zehen taten in den Schuhen nach wie vor weh und außerdem ging die Sonne bald unter. Die Energie war aus und es war an der Zeit.

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnten war, dass in einer dieser Momente die letzte Gondel bereits das Tal erreichte. Ohne uns, versteht sich.

Als wir 20 Minuten später an der Station ankamen und vor einem geschlossenem Tor standen, die untergehende Sonne im Hintergrund und kein Mensch weit und breit, da wurde es sogar ein wenig unheimlich. Diese große leere betonierte Gondelstation, mitten auf diesem gigantischen Berg und wir ganz alleine dort oben. Obwohl wir wussten dass wir ja nicht weit abgeschottet von der Zivilisation waren, fühlte es sich in diese Moment trotzdem so an. Es waren ein paar Minuten die vergingen und keiner einen Ton sagte, denn jeder wusste dass keiner mehr so recht konnte aber jeder musste, da es keine andere Möglichkeit gab als weiter zu gehen.

 

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An dieser Stelle möchte ich kurz Szenenvorschläge machen wie es jetzt im TV oder Theater weiter gehen würde.

 

Heimatfilm: Einer von uns fängt an zu jodeln, worauf ein anderes jodeln aus der Nähe zurückhallt. Auf Grund des richtig stehenden Windes kann somit geortet werden woher es schallt, es findet sich eine stillgelegene Wirtschaft im Wald unter Familienbetrieb. Wir erhalten eine warme Botzeit und ein warmes Bett für die Nacht. Unentgeltlich, versteht sich.Immerhin geht es hier um Nächstenliebe. Meine Patentochter freundet sich mit dem Bauersjungen an und beide gehen am nächsten Tag Blumen pflücken um sich Kränze daraus zu binden. 7 Jahre später heiraten sie und alle feiern ein großes Fest auf der Alm!

 

Horrorfilm: Wir wandern weiter. Eine der Gondeln rauscht im rasanten Tempo an uns vorbei und bleibt mit einem Ruck stehen. Sie baumelt über den Tannen. Wer hat sie in Betrieb genommen wenn keiner mehr dort war? Plötzlich sind die Hunde weg.Wir rufen nach ihnen, Totenstille. DA! Etwas bewegt sich in der Gondel. Ein Schatten. Im Dämmerlicht kann man es nicht sehen, aber es scheint eine menschliche Kopfform zu haben. Die Gondel reißt ab, der Wagon fällt 30 Meter in die Tiefe und bleibt auf dem steilen Waldboden liegen.Wir laufen hinüber um zu helfen falls sich ein Mensch darin befindet. Doch die Trümmer sind nicht alles was auf der Erde liegt. KNOCHEN…Überall…und von einem Lebewesen keine Spur. Mittlerweile ist es stockfinster und uns fällt ein, dass vor drei Wochen ein Clown aus der Psychiatrie entwischt ist…

 

Progressives Theaterstück: Die Wanderer bleiben stehen und sehen sich an. 5 Minuten ohne etwas zu sagen. Die Hunde sind für den Akt unwichtig, sie werden durch zwei Stühle ersetzt. Ein Wanderer schreit den anderen von 0 auf 100 an: „HAST DUS NICHT GLEICH VERNOMMEN, KERL DU?“ Der andere brüllt zurück, so laut er kann. „VERNOMMEN, JA! DOCH DER SCHMERZ DER MICH ZUM QUELL TRIEB WAR STÄRKER, UND DER DURST MIR STREICHE IN DER WAHRNEHMUNG ANFING ZU SPIELEN! “ Die streiten weiter, bis der eine dem anderen offenbart dass diese Wanderung die letze seines Lebens sei und diese dazu dienen sollte sich vom Leben zu verabschieden. ( Der dritte Wanderer steht nur da, er sagt immer noch nichts und verzieht auch keine Mimik ). Nach der Offenbarung dass der eine sterben muss, kehrt beim ersten Wanderer Frieden und Traurigkeit ein. Er dreht sich zur untergehenden Sonne und spricht zu ihr, doch als er sich wieder umdreht, fällt der andere Wanderer mit dem letzten Strahl der Sonne tot auf das Gras. Beide Überlebenden starren den Toten an, ca. 3 Minuten ohne ein Wort zu sagen und legen sich dann schützend auf die Leiche um auf ihr unter Tränen zu nächtigen.

 

Die Realität allerdings, sah so aus: Wir mussten weitere zwei Stunden zu Fuß Berg ab gehen. Mit einem müden Kind dauert das eben. Und weil ich nicht mehr konnte vor Schmerzen, zog ich meine Schuhe aus und ging barfuß weiter. Die erste Stunde war das noch ziemlich übel, weil die spitzen Steine mir in die Haut stachen. Aber alles besser als das vorher. Der letzte Weg dann, war geteert. Und gegen Abend kamen wir dann hungrig und total erschöpft zuhause an.

 

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Ein paar Vorbereitungen hatten wir bereits am Vortag getroffen, somit war unser Abendessen am Lagerfeuer ganz einfach vorzubereiten.

Nachdem wir geduscht und uns frisch gemacht hatten, bereiteten wir unser Essen zu.

Mein Italiener macht die Piadina, ein romagnolisches Brot aus Italien…

 

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Und meine Patentochter und ich bereiten die Kichererbsentaler, die Süßkartoffelpommes, die Avocadosalsa und einen kleinen Tomatensalat zu. Die Piadina kann man dann mit all den tollen Sachen füllen und sie wie ein Sandwich genießen und essen.

 

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Rezept Kichererbsentaler:

Ein Glas Kichererbsen

Ein Glas Mais

3 EL Dinkelmehl ( evtl. mehr, je nach Konsitenz )

1/2 TL Meersalz

eine kleine Zwiebel

2 Knoblauchzähen

1TL Paprikapulver

1 Bund Koriandergrün

Chili, je nach Stärke eine Prise oder eine Schote

 

Alle Zutaten bis aus 2 EL Mais im Mixer pürieren. Den Mais danach unterheben und kleine Bratlinge formen. Diese in Pflanzenöl in der Pfanne von beiden Seiten goldbraun braten. Ca. 8 Minuten für jede Seite. Oder in den Backofen schieben, etwas mit Olivenöl beträufeln und ca. 15 Minuten auf 180 Grad O/U Hitze backen.

Zum Formen der Bratlinge braucht man evtl. etwas Mehl für die Hände, daher etwas zur Seite stellen. Die fertigen Taler sind durch die Kichererbsen voll von gesundem und pflanzlichem Eiweiß und Ballaststoffen. Sie machen ziemlich satt, daher reicht

das Rezept bei uns für 4 Personen.

 

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An diesem Abend haben wir noch lange draußen gesessen und über unser Abenteuer gesprochen und darüber nachgedacht wie schön und wichtig es ist, auch mal vom Weg abzugehen und auf seinen Bauch zu hören.

Wir haben Lieder gesungen und Gitarre gespielt und das knisternde Feuer bis zur letzten Glut beobachtet.

So ein schöner, anstrengender, aufregender, heißer und abenteuerlicher Tag in einem. Schön wars trotzdem. Vor allem wenn man es dann noch so gemütlich und fein ausklingen lässt! Gute Nacht!

 

Achja: Meine großen Zehen sind übrigens nicht ganz ungeschoren davongekommen. Nach knapp einer Woche, als ich den roten Nagellack entfernte, eröffneten sich mir zwei rabenschwarze Nägel. Ein Bluterguss. Später dann, so ca. 2 Monate danach, ist der Nagel angebrochen nachgewachsen. Und mittlerweile, fast 10 Monate später, sind sie ab der Hälfte abgefallen. Nein, davon muss ich wirklich kein Bild posten. Zum Glück wächst alles wieder nach, aber bergab wandern, werde ich in meinem ganzen Leben garantiert niemals wieder, ohne die Schuhe vorher auch für diese Zwecke getestet zu haben *g*